Soziale Arbeit: Besserer Schutz für Sozialarbeitende: Lehren aus der Gewalttat in Stade
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
am Montag, den 29. Juni 2026 wurden sechs Beschäftigte der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Jugendamtes in Stade während eines Hilfeplangesprächs in einem Mutter-Kind-Heim ermordet. Hilfeplangespräche werden vom Jugendamt durchgeführt, um gemeinsam mit Eltern und Fachkräften über die weitere Betreuung und Unterstützung von Familien zu entscheiden.

Diese Nachricht erschüttert uns alle.
Mein tiefstes Mitgefühl gilt den Angehörigen, den Freundinnen und Freunden der Getöteten, den traumatisierten Müttern und Kindern vor Ort sowie allen Kolleginnen und Kollegen, die nun mit diesem Verlust umgehen müssen.
Danke an alle, die vor Ort Anteilnahme und konkrete Unterstützung geleistet haben.
Die Realität der Sozialen Arbeit
Die Soziale Arbeit ist häufig mit Konflikten, psychischen Ausnahmesituationen und Druck verbunden. Beleidigungen, Bedrohungen gehören zum Job, die sogar in Gewalt ausarten kann. Dies ist für viele von uns keine Ausnahme, sondern Teil des Jobs. Neben der Sorge um das Wohl der Klient*innen dürfen wir unsere eigene Sicherheit und Selbstfürsorge nicht vernachlässigen.
Unsere Sicherheit steht uns zu.
Die Tat in Stade macht deutlich: Wir müssen endlich wirksame Schutz- und Präventionskonzepte für Fachkräfte und Klient*innen (einschließlich deren Kinder) entwickeln und umsetzen.
Konkrete Anregungen für uns und die Organisationen der Wohlfahrt
Maßnahmen, die nichts oder wenig kosten:
- Interne Leitlinien zur Gefährdungsabschätzung gemeinsam erarbeiten.
Gefährdungsabschätzung etablieren: Entwickeln wir gemeinsam in Teams klare Leitlinien, wann eine Situation als hochgefährlich eingestuft wird (z. B. bei Kindeswohlgefährdung, akuter Eskalationsmöglichkeit oder Drohungen).
- Machtsensible und transparente Kommunikation fördern: Klient*innen ernst nehmen, Entscheidungen erklären, Beteiligung ermöglichen.
Machtsensible Haltung trainieren: Um eine vertrauensvolle Basis zu schaffen, richten wir unser Handeln streng nach demokratischen Prinzipien aus. Wir handeln transparent, erklären Entscheidungen und gesetzliche, institutionelle Vorgaben nachvollziehbar und verständlich und beteiligen Klient*innen wo immer möglich an Lösungen und zeigen echtes Interesse und gutes Zuhören. Das reduziert Ohnmachtsgefühle und damit Aggressionspotenzial.
- Berücksichtigung des Berufsethos der Sozialen Arbeit sowie der Menschenrechte
Ein prägnanter, handlungsorientierter Leitsatz für Sozialarbeitende im Kontext des Tripelmandats lautet: „Professionell handeln heißt, die Interessen der Adressat:innen und die Aufträge der Institutionen auf dem Fundament der Menschenrechte und wissenschaftlicher Erkenntnisse auszubalancieren.“ Das Tripelmandat in der Sozialen Arbeit wurde geprägt von Silvia Staub-Bernasconi und beschreibt den ethischen und fachlichen Konflikt, in dem sich Sozialarbeiter*innen täglich bewegen.
- Teamkultur stärken:
Fördern wir eine Kultur, in der konstruktive Kritik möglich ist und Vorgesetzte ihre Beschäftigten aktiv schützen, statt sie allein zu lassen.
- Supervision und Teamsitzungen nutzen, um Eskalationsrisiken frühzeitig zu thematisieren.
Regelmäßige Fallbesprechungen: Nutzen wir bestehende Fallbesprechungen gezielt, um eine mögliche Eskalation frühzeitig zu erkennen und zu unterbrechen.
- Klare Notfallpläne (A, B, C) und Verhaltensregeln für den Ernstfall festlegen.
Definieren wir mit der Leitung für jedes Setting konkrete Verhaltensregeln – wer wird wann alarmiert, welche Fluchtwege gibt es, wo ist der nächste Notfallknopf?
Maßnahmen, die Investitionen erfordern (und die sich lohnen):
- Mehrtägige Deeskalations- und Anti-Gewalt-Trainings für das gesamte Team – regelmäßig aufgefrischt, nicht als einmalige Pflichtveranstaltung.
- Technische Sicherheit:
Notfallknöpfe (auch mobile), Einbau von Stillen Alarmen an Arbeitsplätzen, sichere Begegnungsräume (z. B. mit verschiedenen Ausgängen)
- Raumgestaltung:
Klug eingerichtete Gesprächszimmer, die sowohl Würde vermitteln als auch Fluchtwege und Schutzoptionen bieten.
- Personelle Verstärkung:
Ausreichend Fachkräfte, damit keine risikoreichen Gespräche allein geführt werden müssen – besonders im ASD, in der aufsuchenden Arbeit oder bei sensiblen Themen wie Kürzungen und Sanktionen.
- Zusammenarbeit mit Polizei und Opferschutz:
Institutionalisierte Vernetzung und Datenaustausch: Sensibilisierung für den Informationsfluss zwischen Behörden, Trägern und der Polizei bei gewaltauffälligen Klienten
Besonders sensible Bereiche
In Feldern wie der Wohnungslosenhilfe, Suchthilfe, Straffälligenhilfe, aber auch im ASD oder bei finanziellen Sanktionen ist das Risiko statistisch höher. Dort, wo Zwangskontexte bestehen – also in Rechte eingegriffen wird oder Klient*innen dies so empfinden – sind Emotionen besonders hoch.
- Viele Eltern erleben das Jugendamt primär als Bedrohung und nicht als Unterstützung.
Diese Gratwanderung zwischen Hilfe und Kontrolle ist anspruchsvoll und erfordert maximale professionelle Unterstützung durch den Arbeitgeber. Die gesellschaftliche Gewaltbereitschaft nimmt zu – das zeigen nicht nur Einzelfälle, sondern auch Statistiken. Darauf brauchen wir strukturelle Antworten statt Appelle an die Belastbarkeit Einzelner.
Arbeitgeber in der Pflicht
Als Träger und Leitungsverantwortliche tragen Sie eine klare Verantwortung. Dazu gehören: – Verbindliche Sicherheitskonzepte statt individueller Verantwortungszuschreibung – Konsequentes Einschreiten bei grenzüberschreitendem Verhalten von Klient*innen und bei Fehlverhalten innerhalb des Teams
Ausreichende Ressourcen für Fortbildung, Supervision und technische Sicherheitsmaßnahmen
Klare Strukturen und Unterstützung durch den Arbeitgeber sind wichtig. Kein Allein-Kämpfertum, konstruktive Kritik sollte möglich sein. Beschäftigte und Vorgesetzte müssen sich an bestimmte ethische Richtlinien halten und bei grobem Fehlverhalten müssen Konsequenzen folgen und das Fehlverhalten muss eingestellt werden. Dennoch können wir innerhalb unserer Möglichkeiten viel tun, um Risiken zu minimieren und die Würde aller Beteiligten zu wahren.
Lasst uns die Trauer und das Entsetzen aus Stade in konkrete Verbesserungen umwandeln – für die Kolleg*innen, die nicht mehr da sind, und für alle, die täglich weiterarbeiten.
Bleiben wir achtsam. Schützt Euch und die Kolleg*innen. Und fordert die notwendigen Rahmenbedingungen ein – respektvoll, aber konsequent.
In Solidarität und Kollegialität.
Anregungen und Informationen
- Taz Was wir aus der Gewalttat in Stade lernen sollten (https://taz.de/Was-wir-aus-der-Gewalttat-in-Stade-lernen-sollten/!6192386/)
- Taz Nach SchüsseninStade Mehr Schutz für Sozialarbeiter*innen gefordert (https://taz.de/Nach-Schuessen-in-Stade/!6192691/)
- Deutschlandfunknowa Tat von Stade 01. Juli 2026 Wer schützt Sozialarbeiter? „Die Angst ist ein Stück weit realer geworden“, sagt Sozialarbeiter Markus Herzog und ergänzt: Die Tat von Stade habe seine Berufsgruppe tief erschüttert. Warum Gewalt für viele Fachkräfte kein Einzelfall ist – und was jetzt passieren muss. Audiobeitrag (https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/tat-von-stade-wer-sch%C3%BCtzt-sozialarbeiter)
- Petition von Markus Herzog Mehr Schutz für Fachkräfte der Sozialen Arbeit jetzt handeln. Mit dieser Petition soll erreicht werden, dass Politik und Träger endlich handeln. Fachkräfte der Sozialen Arbeit brauchen verbindliche Schutzstandards, Gefährdungsanalysen, Deeskalationskonzepte, ausreichend Personal und sichere Arbeitsbedingungen. Bitte hier unterzeichnen: (https://weact.campact.de/petitions/mehr-schutz-fur-fachkrafte-der-sozialen-arbeit-jetzt-handeln)
- BR Nach Bluttat in Stade: Wie geschützt sind Sozialarbeitende? 02.07.2026, Audiobeitrag (https://www.br.de/nachrichten/bayern/nach-bluttat-in-stade-wie-geschuetzt-sind-sozialarbeitende,VO8dLEh)
- Tagesschau Tödliche Schüsse in Stade: Interview zur Situation in Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen, 01.07.2026 (https://www.tagesschau.de/inland/regional/berlin/rbb-toedliche-schuesse-in-stade-interview-zur-situation-in-kinder-und-jugendhilfe-einrichtungen-100.html)
- Weitere Informationen zur Tat Kreiszeitung (https://www.kreiszeitung-wochenblatt.de/stade/c-blaulicht/bluttat-in-stade-gericht-erlaesst-haftbefehl-wegen-sechsfachen-mordes_a409987)
Das Dilemma: Schutzräume vs. Zugänglichkeit
Ein zentrales Problem in der Debatte ist der Spagat zwischen notwendigem Schutz und dem Wesen der Sozialen Arbeit. Z.B. Einrichtungen der Jugendhilfe leben von Vertrauen, Hilfsbereitschaft und niedrigschwelligen Angeboten. Würden sie zu stark befestigten „Festungen“ ausgebaut, könnte dies die Hemmschwelle für Hilfesuchende erhöhen. Es gilt daher, flexible, situative Lösungen zu finden, die Sicherheit garantieren, ohne die Hilfsangebote zu blockieren.
Brauchen wir ein spezifisches Gewaltschutzgesetz für die Soziale Arbeit?
Aktuell gibt es kein eigenständiges Bundesgesetz, das Beschäftigte in der Kinder- und Jugendhilfe, im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), in der Wohnungslosen-, Sucht- oder Straffälligenhilfe systematisch schützt. Das allgemeine Gewaltschutzgesetz (GewSchG) regelt vor allem zivilrechtlichen Schutz vor häuslicher Gewalt für Betroffene. Für Sie als Fachkräfte greifen vor allem Arbeitsschutzregelungen, Gefährdungsbeurteilungen nach dem Arbeitsschutzgesetz und vereinzelte landesrechtliche Vorgaben – oft zu unverbindlich und lückenhaft. GEW trauert um Beschäftigte – und fordert besseren Schutz (https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/gew-trauert-um-beschaeftigte-und-fordert-besseren-schutz)
Artikel Soziale Arbeit: Systemsprenger – Warum das Jugendhilfesystem an Benni scheitert – und was wir daraus lernen können (Beitrag hier klicken)