Soziale Arbeit: Das Bashing gegen Empfänger von Grundsicherung (früher Bürgergeld) geht nicht nur mir auf den Keks – es trifft die Falschen und schadet uns allen.
Ich mache mir ernsthaft Gedanken um die vielen armutsbetroffenen Menschen, die im Fernsehen, auf Social Media und in ihrem Alltag häufig mit Meldungen über „unwillige Arbeitslose“, „Sozialleistungsbetrug“ und „faule Bezieher“ konfrontiert werden.
Diese Narrative prägen die öffentliche Debatte, und sie hinterlassen Spuren – bei den Betroffenen selbst und bei denen, die täglich mit ihnen arbeiten.
Viele, die Grundsicherung beziehen, leben in prekären Verhältnissen.
Darunter sind Menschen mit Beeinträchtigungen, pflegende Angehörige, Alleinerziehende, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder solche, die nach Krankheit, Trennung oder Jobverlust den Anschluss verloren haben. Ihre Lebensrealitäten sind vielfältig und oft weit entfernt vom Klischee des „faulen Empfängers“.

Dennoch werden sie pauschal als Belastung dargestellt.
Diese Stigmatisierung beeinträchtigt nicht nur das Wohlbefinden und die Integrationschancen der Betroffenen – sie diskreditiert auch die wertvolle Arbeit der Arbeitsvermittlerinnen und Arbeitsvermittler in den Jobcentern.
Wer jeden Tag versucht, Menschen zu unterstützen, zu beraten und Perspektiven zu eröffnen, sieht seine Bemühungen durch die öffentliche Debatte entwertet.
Nach unten zu treten mag für manche „befreiend“ wirken.
Zielführender wäre jedoch der Blick nach oben und eine funktionsfähige soziale Marktwirtschaft:
Eine funktionsfähige soziale Marktwirtschaft braucht eine gerechtere Verteilung der Lasten. Bücher wie „Tax the Rich“ zeigen, dass es andere Hebel gibt als das ständige Anprangern der Schwächsten.
Statt Sanktionen und weiterer Verschärfungen brauchen wir mehr Empathie und konkrete Unterstützung.
Politikerinnen und Politiker, die über Grundsicherung entscheiden, sollten sich die Zeit nehmen, bei Tafeln, in der Wohlfahrt oder direkt in den Jobcentern praktische Einblicke zu gewinnen. Wer die Menschen kennt, die dort Schlange stehen oder beraten werden, versteht besser, warum pauschale Vorurteile so schädlich sind.
Solche Begegnungen können Vorurteile abbauen und zu einer Politik führen, die Förderung statt Bestrafung in den Mittelpunkt stellt. Die Hintergründe der Empfängerinnen und Empfänger sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Diese Vielfalt wird in der öffentlichen Diskussion oft ausgeblendet.
Wer sie Lebensrealität von armutsbetroffenen Menschen anerkennt, kann gezieltere und humanere Unterstützung anbieten.
Viele Wohlfahrtsorganisationen fordern genau das: einen besseren finanziellen Rückhalt, der ein würdiges Leben ermöglicht, und Maßnahmen, die Selbstwirksamkeit und Teilhabe stärken – statt immer neue Hürden.
Hoffnung macht der Gedanke, dass ein Umdenken möglich ist. Wenn wir die Stigmatisierung beenden und den Fokus auf Solidarität und soziale Gerechtigkeit legen, stärken wir nicht nur die Betroffenen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie.
Den Menschen, die Grundsicherung beziehen, und den Fachkräften, die sie begleiten, wäre damit ein wichtiger Schritt in Richtung eines selbstbestimmteren und würdigeren Lebens geholfen. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, nach unten zu treten – und anfangen, die realen Lebenslagen wahrzunehmen.

Blog Artikel Das Bashing gegen Bürgergeld – Empfänger geht mir echt auf den Keks
Link zum Youtube Video Das Bashing gegen Bürgergeld – Empfänger geht mir echt auf den Keks auf meinem Kanal (https://www.youtube.com/watch?v=6x5jmrihGaA) Link zum Video bei TikTok Das Bashing gegen Bürgergeld – Empfänger geht mir echt auf den Keks auf meinem Account (https://www.tiktok.com/@elkeoverhage/video/7535115030182776086)
Aktuelle Daten und Fakten ergänzt um konkrete Zahlen (Stand Mitte 2026) und empfohlene Quellen.
Zusammensetzung der Empfänger von ALG2, für Arbeitsuchende (ehemals Bürgergeld):
Kein homogenes Bild von „faulen Arbeitslosen“ Im Juli 2026 bezogen laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) rund 5,105 Millionen Menschen Regelleistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende (ehemals Bürgergeld).
Davon waren – ca. 3,775 Millionen erwerbsfähig und – ca. 1,329 Millionen nicht erwerbsfähig (überwiegend Kinder unter 15 Jahren).
Nur etwa die Hälfte der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten ist tatsächlich arbeitslos gemeldet.
Die übrigen sind u. a. – in Betreuung kleiner Kinder oder Pflege von Angehörigen, – in Maßnahmen, Sprach- oder Integrationskursen, – erwerbstätig und stocken auf (Aufstocker), – oder arbeitsunfähig erkrankt.
Alleinerziehende sind stark überrepräsentiert:
Sie stellen etwa 18 % der Bedarfsgemeinschaften. Die Hilfequote liegt bei Alleinerziehenden insgesamt bei rund 33 %, bei Alleinerziehenden mit drei und mehr Kindern sogar bei über 70 %.
Paare ohne Kinder haben dagegen eine Hilfequote von nur ca. 2,5 %.
Gesundheitliche Einschränkungen sind weit verbreitet:
Laut IAB-Panel „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS, Daten 2024) berichten rund 44–45 % der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten von mindestens einer gesundheitlichen Einschränkung (amtlich festgestellte Behinderung, laufender Antrag oder sonstige schwerwiegende Beeinträchtigung). Andere Befragungen (u. a. Bertelsmann Stiftung) kommen auf ähnliche Werte, oft mit dem Hinweis auf psychische oder chronische Erkrankungen. Diese Zahlen zeigen: Ein großer Teil der Menschen in der Grundsicherung hat strukturelle Hemmnisse (Gesundheit, Betreuungspflichten, Qualifikation, Herkunft), die eine sofortige und dauerhafte Vollzeitbeschäftigung erschweren. Pauschale Zuschreibungen von „Unwilligkeit“ greifen daher zu kurz. IAB Daten (https://iab.de/daten/gesundheitliche-einschraenkungen-bei-sgb-ii-leistungsbeziehenden/)
Sozialleistungsbetrug: Vorhanden, aber kein Massenphänomen
Die Jobcenter leiteten 2025 Verfahren wegen des Verdachts auf Leistungsmissbrauch ein. In einem sehr geringen Anteil (deutlich unter 3 %) der Fällen bestätigte sich der Verdacht oder es wurde Strafanzeige erstattet. Organisierter („bandenmäßiger“) Missbrauch lag 2024 bei 421 Fällen und 2025 bei 406 Fällen.
Die BA und das Arbeitsministerium selbst sprechen von einer Dunkelziffer, aber auch hier bleibt der Anteil im Verhältnis zur Gesamtzahl der Empfänger gering. Die meisten festgestellten Überzahlungen resultieren aus nicht oder verspätet gemeldetem Einkommen (z. B. aus Beschäftigung). Betrug muss konsequent verfolgt werden – er diskreditiert das System und die ehrlichen Leistungsberechtigten.
Gleichzeitig rechtfertigt er nicht die pauschale Stigmatisierung der großen Mehrheit.
Sanktionen und Arbeitsvermittlung
Die Sanktionsquote liegt seit Jahren auf niedrigem Niveau (2025 im Durchschnitt ca. 0,8 % der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten). Studien und Berichte (u. a. IAB, Bundesrechnungshof) zeigen, dass Sanktionen kurzfristig die Aufnahme von Jobs erhöhen können, langfristig aber oft in niedrig entlohnte oder instabile Beschäftigung führen und die Beschäftigungsqualität nicht verbessern.
Viele Fachkräfte in den Jobcentern berichten, dass ihre Vermittlungs- und Beratungsarbeit durch die öffentliche Debatte erschwert und entwertet wird.
Empfehlung Statistikquellen und Fachportale:
- – Statistik der Bundesagentur für Arbeit – Grundsicherung für Arbeitsuchende (und speziell die aktuellen Eckwerte, Monatsberichte, „Grundsicherung in Zahlen“): (https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Navigation/Statistiken/Fachstatistiken/Grundsicherung-fuer-Arbeitsuchende-SGBII/Grundsicherung-fuer-Arbeitsuchende-SGBII-Nav.html) (https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Home/home_node.html)
- – IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) – Analysen zu gesundheitlichen Einschränkungen und Hemmnissen: (https://iab.de/daten/gesundheitliche-einschraenkungen-bei-sgb-ii-leistungsbeziehenden/)
- – Sozialpolitik-aktuell.de (wissenschaftlich aufbereitete Daten und Grafiken zu SGB-II-Strukturen, Hilfequoten nach Haushaltstyp): (https://www.sozialpolitik-aktuell.de/sozialstaat-datensammlung.html)
Weitere nützliche Beiträge und Hintergrund:
- – Bertelsmann-Stiftung-Befragung zu Jobsuche und Gesundheit unter Leistungsberechtigten (2025). – Berichte des IAB zu Vermittlungshemmnissen und Sanktionswirkungen.
- – Regelmäßige Monatsberichte der BA zum Arbeitsmarkt (dort auch SGB-II-Daten). Diese Quellen sind primär und transparent. Sie ermöglichen es, die öffentliche Debatte mit Fakten zu führen, statt mit Stereotypen.
- Buch „Tax the Rich. Warum die Reichen zahlen müssen, wenn wir die Welt retten wollen“ von Jørgen Randers und Till Kellerhoff (oekom Verlag, 2024, ISBN 978-3-98726-067-4).Verlagsseite von oekom:(https://www.oekom.de/buch/tax-the-rich-9783987260674)
- Dort finden Sie die Autoren. Sie argumentieren genau in dem Sinn, den Sie zitieren: Eine funktionsfähige (soziale) Marktwirtschaft und die Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen (Klimaschutz, soziale Ungleichheit) erfordern eine gerechtere Verteilung der Lasten. Statt die Schwächsten zu belasten, sollten große Vermögen und Erbschaften stärker besteuert werden. Die Reichen und Superreichen verursachen überproportional viele Emissionen und verfügen über die Mittel, die notwendige Transformation zu finanzieren.
- Netzwerk Steuergerechtigkeit (aktueller Jahresbericht und Reformvorschläge zur gerechteren Besteuerung von Vermögen und hohen Einkommen):
- (https://www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de/)
- Teilhabe: Rollator und Laptop – Die neue Arbeitswelt mit 67 und älter – Eine heitere Betrachtung der Rentenreform (Beitrag hier klicken)
Die Zahlen belegen:
Die Grundsicherung stützt vor allem Menschen in schwierigen Lebenslagen – Alleinerziehende, Kinder, Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen und solche, die trotz Arbeit nicht über die Runden kommen. Empathie und gezielte Förderung statt pauschalem Bashing stärken nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Legitimität des Sozialstaats und die Arbeit der Fachkräfte in den Jobcentern.
Merkesätze zum Thema:
„Hinter jedem Antrag auf Grundsicherung steht ein Mensch mit einer Geschichte und keine Gesellschaft wird gerechter, indem sie die Verletzlichsten anprangert. Empathie ist kein Luxus, sondern der Anfang von echter Solidarität.“
„Du bist nicht faul, du bist nicht weniger wert – du bist ein Mensch in einer schwierigen Lage. Deine Würde bleibt unantastbar, auch wenn andere sie infrage stellen.“